Sonntag, 7. September 2014

Stadtleben - Landleben


Durch meinen Umzug vor einem Jahr kam ich in den Genuss, abseits des Landlebens nun auch Stadtluft zu schnuppern. Dazu sollte man vielleicht sagen, dass ich 20 Jahre lang in einem Dorf mit weniger als 1000 Einwohnern lebte. Somit macht es auch gar nichts, dass meine jetzige Heimatstadt "nur" 110.000 Einwohner hat, ihr seht ja was das für ein Sprung war. Spätestens wenn man irgendwann sesshaft werden möchte, stellt man sich zumeist die Frage: "Was denn nun? Land oder Stadt?"


Tote Hose. Das ist vermutlich das erste, was Stadtkinder mit dem Land assozieren. Stimmt. Zumindest teilweise. Wenn man auf Kirmes und Dorffeste steht, ist man meistens rund um das Jahr - oder zumindest im Sommer - gut bedient, denn in irgendeinem Kaff ist immer gerade Kerb oder Weinfest. Für Discoabende oder einen Cocktail in der Bar muss es dann eher die nächste Stadt sein, je nachdem wie abgelegen das Dorf ist, kann man da auch schon mal eine gute Weile unterwegs sein. Ich brauchte mit dem Auto immer eine Viertelstunde bis zwanzig Minuten, mit dem Bus eine Dreiviertelstunde oder Stunde - was schon alles über die Busverbindungen auf dem Land aussagt. Ihr merkt: Um einen Führerschein kommt man nicht drum herum, es ist ziemlich üblich ihn sobald es geht zu machen. Meine Freundinnen wohnten zum Beispiel ein paar km entfernt, es gibt keine direkte Busanbindung. Bis ich das zarte Alter von 18 Jahren erreichte, mussten meine Eltern also regelmäßig Taxi spielen - nervig! Auch die Shoppingmöglichkeiten sind zumeist begrenzt. Wenn man nicht gerade neben einer Großstadt wohnt, haben die umliegenden kleineren Städtchen in der Regel nicht mehr als einen H&M und C&A zu bieten. Dementsprechend laufen auf der Straße zahlreiche mode-geklonte Teenager in H&M-Fummel herum: Individualität auf wiedersehen! Naja, zum Glück gibt's ja Onlineshops. JA, die liefern auch aufs Land!

Nun wollen wir aber mal die Vorzüge des Landlebens nicht untergehen lassen! Da gibt es nämlich jede Menge. Angefangen mit der wundervollen Natur, was natürlich ziemlich nahe liegend ist. In der Stadt hat man nicht den Luxus, aus der Haustür zu treten und nach fünf bis zehn Minuten mitten im Wald zu stehen. Dementsprechend müsst ihr beim Gassi gehen mit eurem geliebten Vierbeiner auch in der Regel keine Kacktüten mitschleppen - er sucht sich ein nettes Plätzchen und düngt im Idealfall dabei noch ein Pflänzchen. Für Haustiere ist so ein Leben im Dorf generell ziemlich entspannt: Der Hund freut sich über schöne Spaziergänge ohne vorherige Autofahrt, die Katze über genügend Auslauf mit einer viel geringeren Wahrscheinlichkeit, dabei unter den Rädern eines Autos zu landen, und ein Pferd kann man in der Stadt sowieso schlecht halten. Auch für Gartenfreunde erschließen sich zahllose Möglichkeiten: Egal ob der Traum vom eigenen Hortensien-Beet oder der kleine Selbstversorger-Garten für den Veganer von Heute. Den Mist zum Düngen holt man selbstverständlich vom Bauern um die Ecke, voll nachhaltig und so #savetheworld. Wie ihr vielleicht schon auf Bildern gesehen habt, ist unser Garten ziemlich groß und bietet jede Menge Vielfalt: Gemüsebeete, Obstbäume, Beerensträucher, Fischteiche, einen kleinen Pool, ein Gewächshaus, mehrere Schuppen... klingt nach viel Arbeit und das ist es auch. Aber es ist einfach toll, den Sachen beim wachsen zuzusehen oder abends nach einem Spaziergang noch etwas am Fischteich zu sitzen.


Platz sucht man in der Stadt meist vergeblich. Wohnhaus reiht sich an Wohnhaus, die Klingelschilder zeigen nicht nur einen oder zwei, sondern eine Vielzahl von Namen an. Die Nachbarn wohnen nicht im respektablen Abstand, sondern können dir abends ins Wohnzimmerfenster gucken. Zum nächsten Park muss man meistens den Bus nehmen oder zumindest ein gutes Stück laufen - Wauzi braucht ein Kacktütchen! Es sei denn ihr gehört zu den Menschen, die das Häufchen vor meiner Haustür liegen lassen, was ich nicht hoffe! Lärm ist oft an der Tagesordnung, zumindest wenn man nicht gerade in einer Sackgasse wohnt. Vorbeifahrende Autos sind da noch das geringere Übel, mindestens ein Nachbar ist immer am Hämmern, einer am Saugen und beim dritten läuft die Waschmaschine. Natürlich übertreibe ich gerade maßlos, aber was ich damit sagen will: Auch wenn ihr wie ich alleine wohnt, wohnt ihr nicht alleine. Man muss viel mehr Rücksicht nehmen als auf dem Land, wo die Häuser meist ein gutes Stück auseinander stehen. Nachts um zwei Uhr "Let it go" trällern ist also nicht mehr.  Genauso wie der Parkplatz direkt vor der Tür, zumindest wenn man keinen zur Wohnung dazu bekommen hat. Die ganzen Autos verdrecken die Luft - das merkt man meistens erst, wenn man wieder auf dem Land ist und einmal tief durchatmet. Auch der Boden sieht oft nicht besser aus, wobei sich das hier wirklich noch in Grenzen hält. Trotzdem wirkt durch den vielen Beton alles schnell grau und trist und durch die hohen Häuser kann man sich manchmal ganz schön eingeengt fühlen.

Aber das Stadtleben hat auch viele tolle Seiten: Es ist immer etwas los! Im Gegensatz zu den Omas, die im Dorf an den Fenstern lauern um in Idealfall einen Fußgänger zu sehen, sieht man hier wirklich etwas auf den Straßen! Wenn man sich so ein tolles Viertel wie ich aussucht, kann man sogar live vom Fenster eine Drogenrazzia mitverfolgen - ganz umsonst! Die Stadt pulsiert vor Leben, das merkt man spätestens in den Fußgängerzonen, die endlich auch andere Geschäfte wie Zara oder Mango beinhalten. An jeder Ecke gibt es mindestens eine Kneipe oder ein Restaurant, meistens beides. Auch Clubs und Bars verteilen sich über die Innenstadt, im Idealfall ist eine Bushaltestelle direkt davor, sodass man nach einer durchtanzten Nacht direkt mit dem ersten Bus morgens heim fahren kann - na wenn das kein Service ist? Natürlich gibt es auch in Städten jede Menge tolle Orte: Parks, Plätze, Denkmäler. Außerdem viele Kulturangebote in Form von Museen, Theatern oder Oper. Eine Sache, auf die ich mich jedes Mal freue, wenn ich zurück in die Stadt fahre: Das schnelle Internet! Wenn man sich einmal an seine in Lichtgeschwindigkeit übertragende Leitung gewöhnt, scheint auf dem Dorf plötzlich alles im Schneckentempo abzulaufen. Youtube-Videos in HD sehen? 
Land: "Hahaha, träum weiter!" 
Stadt: "Natürlich. Fertig. Wie kann ich ihnen sonst noch behilflich sein?" 


Wie ihr seht haben für mich Stadt sowie Land positive und negative Aspekte und ich bin ganz froh, derzeit noch hin und her reisen zu können und mich nicht schon für immer festlegen zu müssen. So richtig möchte ich auf keine der beiden Möglichkeiten verzichten müssen - da klingt mir Stadtrand oder Vorort als der beste Kompromiss, aber bis ich sesshaft werde wird es zum Glück noch sehr lange dauern. Natürlich ist mein Bericht total subjektiv ausgefallen und trifft bei weitem nicht überall zu und stimmt auch nicht unbedingt mit der Meinung anderer überein! Ich hoffe kein Stadt- oder Landkind fühlt sich angegriffen.

Wie sieht es bei euch aus? Team Stadt, Team Land oder wie ich mit jeweils einem Fuß in der Tür?

Kommentare:

  1. Hihi cooler Beitrag, musste ein paar Mal schon schmunzeln :D Also ich habe ja das Glück in einem Dorf zu wohnen, das wie deines nicht mehr als 1.000 Einwohner zählt, aber trotzdem nahe an der nächsten Stadt ist, nämlich Karlsruhe. Mit der Bahn in 20min zu erreichen, einfach super und die Bahnverbindung ist meinstens auch ok, auch wenn wir alle immer gerne über die Verkehrsverbünde schimpfen :D Habe es auch tatsächlich geschafft bisher keinen Führerschein zu machen XD aber das eher unfreiwillig aus Geldmangel... Aber zu Seen ist der zB unverzichtbar, Freibad find ich nämlich meist nicht so toll. Mein Freund hat es allerdings noch besser, er wohnt in einem sehr ländlichen Stadtteil von KA,10min von der Innenstadt entfernt und seine Mum hat einen eigenen Gemüsegarten (den haben wir nicht, auch wenn wir könnten), der Wald ist bei ihm auch um die Ecke und Wiesen inklusive Kannichen gibt es auch genug :) Also wenn ich könnte, würde ich sofort zu ihm/seiner Family ziehen haha :D mit Lilly natürlich. Aber hier in meinem Dorf gefällt mir die Ruhe ganz gut, denn ich hasse es zum Beispiel anderen Menschen und Hunden beim Gassi gehen zu begenen :D Lilly verträgt sich nämlich leider nicht mehr so gut mit anderen :( wie du siehst bin ich auch eher unentschlossen, aber so eine Vorstadt/ort wäre glaube ich perfekt für später!

    Liebste Grüße <3

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  2. Toller Beitrag :)
    Also ich muss sagen, dass ich ein totales Stadtkind bin. Vorher Mönchengladbach, jetzt Frankfurt... Ich habe aber auch das Glück, dass ich direkt an einem Park wohne und so auch Natur haben kann, wenn ich Natur haben möchte :) Dörfer sind irgendwie nichts für mich. Für einen Wochenentrip um zu entspannen, sicher. Aber länger als 4, 5 Tage und ich fange an die laute Großstadt zu vermissen. Aber alles nur eine Frage dessen, wie man aufgewachsen ist, denke ich :)

    Liebe Grüße!
    xx

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  3. Ich bin Stadtkind. Allerdings kein Metropolen-Mädchen sondern eher so ein Provinz-Gör, weil Nürnberg mit seinen 500.000 Einwohnern jetzt auch nicht grade als richtig hippe Großstadt durchgeht.
    Wenn ich mich ins Auto setze und 15 Minuten fahre, dann bin ich im Vorort, wo ich nur noch von Feldern, Gewächshäusern und fränkelnden Bauern umgeben bin, die ihren Hof seit Generationen weitervererben und ihn niemals für ne Umgehungsstraße verkaufen würden.
    Und ich liebe es. Ich finde meine Stadt hat die perfekte Größe und wenn ich mal Ruhe brauche, dann kann ich die in 20 Minuten haben - und zwar nicht an irgendeinem Starnberger See, wo ich dann doch wieder von 100 Leuten umringt bin. Ich bin da also wie du - zwiegespalten :)

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  4. ich bin ein kleidstadtmädchen. aber in hamburg so gut wie zuhause. zwischending irgendwie.

    tolle fotos ♥

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  5. Liebe Maike, dein kompletter Text, vor allem der erste Absatz ist wie 1 zu 1 aus meinem Leben erzählt :D
    Da ich immer am Wochenende nach Hause aufs Land pendle, wird mir der Unterschied mit allen Vor- und Nachteilen stets aufs Neue bewusst. Und ich muss zugeben ich kann mich einfach nicht entscheiden! Ich liebe es, einfach spontan einkaufen gehen zu können, ohne überlegen zu müssen, ob ich ein Auto habe, es sich fahrttechnisch überhaupt lohnt dort hin zu fahren und wenn ich schonmal dort bin was ich noch so alles brauche. Auf der anderen Seite liebe ich spazieren gehen - was in der Stadt natürlich nicht so gut möglich ist, zumindest, wenn man gerne in der Natur unterwegs ist. Ich liebe die Ruhe auf dem Land, vermisse aber oft das Leben aus der Stadt. Im Moment bin ich wirklich froh, den Wechsel zwischen Stadt und Land zu haben, aber wenn ich mich für die Zukunft entscheiden müsste. Puh... ich hätte keine Ahnung...

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  6. Sehr toller Post! :)
    Bin auch ein Landkind aus einem 2000 Seelen kaff, und kann dir eigentlich in allen Punkten nur zustimmen. Besonders bei dem mit H&M und C&A musste ich schmunzeln, weil's eben genauso ist :D

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